Die Land-Stadt-Migration der Russlanddeutschen und anderer nationaler Minderheiten zwischen 1953 und 1982

Ein Forschungsprojekt von Helene Henze (Betreuung durch Prof. Dr. Joachim Tauber)

Die Geschichte der Sowjetunion ist auch eine Geschichte der Migrationen. Sie beginnt mit dem Erlass zur „administrativen Verbannung“ vom 10. August 1922 und findet in den Deportationen und Repressionen ethnischer Minderheiten in den 1930er und 1940er Jahren einen ersten, tragischen Höhepunkt. Die Rehabilitierung der Überlebenden von politischer Verfolgung, Zwangsmigration und Verbannung im Zuge der Entstalinisierung markiert den Übergang zu einer zweiten Phase der Rückkehr und Neuansiedlung, die fast nahtlos in eine dritte Phase mündet, welche vielfach mit der Modernisierung der Sowjetunion in Verbindung gebracht wird: die Land-Stadt-Migration.


Vor dem Hintergrund der dynamischen Jahrzehnte unter den Machthabern Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnew wird im Dissertationsprojekt nach der Rolle und Reaktion der nationalen Minderheiten im und auf den Urbanisierungsprozess gefragt. Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei auf den Russlanddeutschen und den Prozessen der Normalisierung und des Verwachsens mit dem sich neuformierenden gesellschaftlichen Gewebe der Sowjetunion. Dabei sollen sowohl die Strategien des sozialen Aufstiegs der Vertreter*innen der einzelnen Minderheiten dokumentiert als auch die Reaktionen der Familienverbände bzw. der Dorfgemeinschaften auf die Abwanderung ihrer Mitglieder in die städtischen Zentren nachverfolgt werden. Die Wirkungen der Binnenmigration auf die interpersonellen Netzwerke der Akteure interessieren dabei ebenso wie die Selbstwahrnehmung der Individuen in den neuen Räumen im Hinblick auf ihre ethnische Identität. Mit der Bearbeitung der Fragestellung soll insbesondere die Geschichte der Russlanddeutschen aus ihrer Isoliertheit als „Leidensgeschichte“ und Sonderfall gelöst und in den Kontext der russischen und europäischen Geschichte eingebettet werden.

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