Unter Gleichen? Russlanddeutscher Alltag in Kasachstan und im Altaj, 1955-2000

Ein Forschungsprojekt von Dr. Alina Jašina-Schäfer (Betreuung durch PD Dr. Hans-Christian Petersen)

Um vertiefende Einblicke in die vielfachen Zugehörigkeitsprozesse der Diasporanationalitäten erhalten zu können, widmet sich dieses Teilprojekt der Untersuchung komplexer individueller Alltagspraktiken der Russlanddeutschen in der Sowjetunion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach den anhaltenden stalinistischen Repressionen und Deportationen folgte ab 1955 die Zeit des sogenannten Wiederaufbaus und der Normalisierung, in der viele Russlanddeutsche, trotz fortdauernder Diskriminierungen, etwa im Bildungsbereich, zugleich neue Chancen zur sozialen Integration und zum gesellschaftlichen Aufstieg erhielten. Durch eine ethnographische Auseinandersetzung mit den individuellen Erinnerungen an die spätsowjetische Zeit, den vielfältigen Familiengeschichten, sozialen Netzwerken und kulturellen Praktiken verfolgt diese Arbeit zum einen das Ziel, die Bedeutung der Sowjetisierungs- und Normalisierungsprozesse im individuellen Alltagsleben der Russlanddeutschen zu verstehen: Wie bewältigten sie das Stigma der Kriegsjahre? Was bedeutete es für die Russlanddeutschen – vor allem in den periphereren Gebieten – „Sowjetbürger*innen“ zu sein? Wie äußerte sich demgegenüber ihr „Deutschtum“? Welche Unterschiede gab es zwischen Land- und Stadtbewohner*innen? Und zum anderen untersucht das Projekt die erodierenden Gemeinschaften und individuellen Lebenserfahrungen während und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der massenhaften Emigration der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik: Welche Einflüsse hatten diese gravierenden Veränderungen auf die verbleibenden Diasporagruppen und deren Alltagspraktiken?

Das Projekt stellt mit der sibirischen Altajregion und dem Gebiet Karaganda (Kasachstan) zwei Gebiete, die signifikante russlanddeutsche Bevölkerung aufwiesen und zugleich ethnisch heterogen waren, ins Zentrum der Forschung. Ziel ist es, sowohl neue Perspektiven auf das Leben im ländlichen Raum im Spätsozialismus (Late Soviet Village) zu eröffnen wie auch den multiethnischen Austausch und kulturelle Begegnungen in den Blick zu nehmen.

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